Kunstraum Medici
Jean Pfaff
one step more


8. Mai bis 9. Juli 2016
Öffnungszeiten:
Donnerstag und Freitag, 14 bis 18 Uhr
Samstag, 14 bis 17 Uhr
oder nach Vereinbarung
 
Reichhaltig reduziert

Beobachtungen zu den neusten Werken von Jean Pfaff (*1945 in Basel, lebt in Spanien)

Schichtungen, Differenzierungen, Teilungen, Abtreppungen, Rhythmisierungen, Verschiebungen, Strukturierungen: So lässt sich die Präsenz von Jean Pfaffs neuen Objekten knapp – und entsprechend abstrakt – umschreiben. Die Objekte – teils als Block betitelt – stehen wie kleine Architekturen auf dem Boden; es sind Modelle, Modulationen von Form- und Farbrecherchen. Waren Pfaffs Bilder schon immer geprägt von Reduktionen und leisen Kombinationen, sind viele seiner Bilder tendenziell Wand-Objekte, so suchen sich die neuen und überraschenden Objekte mit einer zurückhaltenden Geste ihren Ort im Raum. Oder anders umschrieben: Sie schaffen einen Ort im Raum.

Selbstverständlich schreiben sich die Blöcke oder Skulpturen oder Installationen in eine Tradition ein. Es ist die Tradition der Konstruktiven oder Konkreten Kunst, es ist auch jene der Minimal Art. Aber wie jede Tradition, so zum Beispiel jene der Malerei, nicht ausgeschöpft ist, so gilt das auch hier. Es gilt besonders hier, weil Jean Pfaff zeigt, dass die Variationen und Kombinationen, die Einfälle und Möglichkeiten wohl nie ausgeschöpft sind; dass es kein starres Form- oder Farbvokabular gibt. Einer der Reize der Reduktion besteht ja darin, aus eben dieser vielfältigste und damit reichhaltige Möglichkeiten herauszureizen. Das ist vergleichbar mit dem Alphabet. Denn aus den 26 Buchstaben lassen sich unendlich viele Texte schreiben; entscheidend ist nur die richtige, die präzise, die überzeugende Kombination.

Jean Pfaff beherrscht und bespielt die Kunst der Kombination. Das zeigt sich etwa in den Materialität. Sie ist gewissermassen brut: Sperrholz, Acrylfarbe und Kunstharzlackfarben genügen. Das ist eine Geste der Bescheidenheit, die jener entspricht die in einer uralten Anekdote über den Ursprung der Zeichnung weiter gereicht wurde: Es genügt ein Finger, um im Sand des Strandes die wundervollsten Bilder zu schaffen. Dass diese vergänglich sind, entspricht in der Essenz dem Charakter der Kunst, ist diese doch – entgegen ihrer Kapitalisierung durch den Markt – im Prinzip ephemer. Die Kunst der Kombination zeigt sich bei Pfaff, zweitens, zudem in der dezenten und zugleich spannungsreichen Kombination der Farben – oder dem Einsatz von Farben, die gemeinhin als Farben bezeichnet würden, also dem Farbverzicht, der die Farbigkeit erst ins richtige Licht rückt. Und drittens, für die Wahrnehmung nach und nach immer wichtiger, zeigt sich die Kunst der Kombination bei den Bodenobjekten (aber nicht nur dort) in der Unregelmässigkeit der Regelmässigkeit. Die «Blöcke» sind zwar geblockt, aber das Geblockte ist nie geblockt. Es ist vielmehr durch präzise und – wiederum – spielerische Teilungen und Formungen und Schichtungen und Farbsetzungen in einem höchsten Mass rhythmisiert. Das heisst, dass scheinbare Symmetrien sich auflösen, jedoch nur mit einer kleinen Geste oder einer leicht verschobenen Geometrie. Zudem bauen Zwischenräume, und seien sie auch noch so klein, räumliche Spannungen auf. Eben das schafft das, was im Französischen «tension» heisst. Und die Tension ist, wie in der Musik die Pause, eben jenes Momentum, das das Inter-Esse weckt. Das Interesse ist das Zwischen-Sein, das erst die Wahrnehmung in Bewegung setzt. Es kann auch als leise Irritation, Verschiebung aufscheinen.

Ein Bild-Wand-Objekt von Jean Pfaff, es ist wie die meisten vorerst unscheinbar, zeigt diese Phänomenologie aufs Schönste. Der Titel: Nr. 09/2013. Es ist ein unregelmässiges Trapezoid/Fünfeck aus lasiertem Sperrholz. In der Mitte, wenn es denn bei dieser Form eine Mitte gäbe, ist es geteilt. Die linke Seite besteht aus dem puren lasierten Sperrholz, die recht ist mit feinsten waagrechten Graphitstichen strukturiert oder bezeichnet. Aber in diesen Strichen verbirgt sich, kaum sichtbar, eine weitere Farbigkeit, denn in der unteren Hälfte Bildhälfte sind in die Graphitstriche blaue Bleistiftstriche eingeschmuggelt. Das ist Präzision bis ins Detail.
Genau diese Genauigkeiten zeichnen Pfaffs Werk aus. Deswegen lautet das letzte Wort: ästhetische Nuancierung.

Konrad Tobler
 
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